BDSM Sucht und Mode heute

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Giulia P.

1. Ich wurde als Kind geschlagen. Ziemlich böse: erst kalte Dusche bis ich so gut wie keine Luft mehr bekam und hyperventiliert habe. Ich konnte dann auch nicht mehr schreien oder mich wehren, weil ich keine Luft bekam. Daraufhin wurde ich mit einem Gürtel geschlagen. Überall hin, auch wie BDSMler sagen würden Spanking auf den nackten Arsch oder auch mit Kleidung. Egal, Hauptsache Schmerz!

2. “Safe, Sane, Consensual” kann ich somit nicht glauben. Dafür habe ich keinen Vertrauen mehr in die Leute.
Wie sollte ich mich denn freiwillig in eine Situation begeben, in der mein Trauma wieder hochkommt? Was sollte mich daran erregen? Ich bekomme Panik, vielleicht eine Panikattacke mit Hyperventilieren. Wenn ich jetzt noch gefangen gehalten werde (wie bei der Polizei in eine Zelle eingesperrt  werde samt Handschellen, ohne Klamotten), dann flippe ich aus in Klaustrophobie. Mir wird hier die Freiheit beraubt gem. §239 StGB, wenn der Top oder der freiwillig zu gehorchendem Masterdurch die Tat oder eine während der Tat begangene Handlung eine schwere Gesundheitsschädigung des Opfers verursacht.

3. Dann werde ich wohl oder übel doch – wie es ja pathologisch leider oft passiert – vom Opfer zum Täter und verprügele dann lieber andere Leute. Gerne, wenn die drauf stehen “tagelang nicht sitzen zu können” oder “Arsch bis er blutet”. Da seufze ich nur und werde böse: Kinder darf man nicht mehr schlagen. Ab 18 in Deutschland dürfen sie geschlagen werden wollen. Und es werden immer mehr, immer mehr, die es wollen. Geil!

4. Das Wort “Vanilla” finde ich etwas anmassend, aber okay. Ich gehör ja zu den “Luschen”, den “langweiligen Blümchensex” Leuten, die nicht auf Schläge und Schmerz bis zum Abwinken stehen. Vanilla…blond und rein wie die Haarfarbe von Helene Fischer. BDSM ist schwarz und Blut. Und Geil. Und Aufregend. “Das ist ja total normal heute! Jeder macht sowas! Sei nicht so prüde” Nein, ich brauche keine Schmerzen, weil ich MEHR als “nur langweiligen Sex” brauche und auch kriege – nur nicht über das, was plötzlich als normal gilt. wtf. Mit irgendwelchen Leuten in nem Zimmer oder Partyraum mich schlagen. Dann geh ich zum Bahnhof in ne Disse Saufen und prügel mich dort à la Fight Club. Richtig: das darf ich nicht. Das ist Körperverletzung und die Bullen kommen. Geiles BDSM ist legal und cool und total in!

5. Da das schlaue Marketing den Zeitgeist mittlerweile auch bis zum Mainstream mit Lack und Leder vollbaut, gehöre ich nun zu den “verkorksten”, “frigiden””prüden” “Konservativen”. Weil ich nicht auf Angst als sexuelle Erregung stehe. Wenn Leute darüber eine Katharsis empfinden, gut, aber lasst mich meine Katharsis anders erlangen. Zumal ich tatsächlich keinen Reiz sehe am §131 StGB der Gewaltdarstellung oder der ach so beliebten Gewaltpornographie gem. §184a StGB. Ja, auch wenn die lieben BDSMler “nur spielen” wollen. “Ich will doch nur spielen” mit Peitsche und Stromschlägen ist für mich kein Spiel, sondern Folter.

6. Es könnte eine Frage des Wachstums des Zeitgeistes sein, wann wieder Päderastie angenommen wird. Liest man sich die Geschichte zu BDSM durch, sollte dies in Zukunft wieder möglich sein. Die Kinder von heute sind es ja gewohnt ab  9 Jahren Porno zu schauen und sich untereinander geile Spielchen anzutun. Es ist möglich und es läuft. – nur eben illegal. Dasselbe gilt für Drogen. Wenn man davon ausgeht BDSM gehört seit den 90ern nicht mehr zu “kranken” Praktiken,  sondern zur Katharsis des “Sensation Seeking” im Sinne von

  • Thrill and adventure seeking“: Körperlich riskante Aktivitäten
  • „Experience seeking“: Abwechslung durch unkonventionellen Lebensstil (Reisen, Musik, Drogen)
  • „Disinhibition („Enthemmung“) seeking“: Abwechslung durch soziale Stimulation (Party, Promiskuität, soziales Trinken)
  • „Boredom susceptibility“ („Anfälligkeit für Langeweile“): Abneigung gegenüber Langeweile und Neigung zur Unruhe, wenn die Umwelt keine Abwechslung mehr bietet.

dann kann ich für mich weiter sehen, dass einige Drogen (wieder) legalisiert werden können. Ich möchte z.B. lieber Marijuana unbestraft genießen können statt blutig ausgepeitscht zu werden. Wo ist das Problem? Ich möchte lieber was nehmen und dann vielleicht, vielleicht auch nicht, mit der Person Sex dazu haben. Drogen wirken genauso auf Dopamin und Noradrenalin. Das SSC Safe, Sane, Consensual gilt auch beim Drogenkonsum. Ebenso das RACK (risk-aware consensual kink). Wenn Leute also als Spaß ansehen, sich gegenseitig physische und psychische Schmerzen an zu tun, und das immer mehr und immter härter, heißt es nicht, dass ich “anormal” bin, wenn ich nicht auf Schmerzen stehe.

7. Porno reicht den meisten nicht mehr. Hard-Core-Porno reicht auch nicht mehr. Sex und Toys reichen nicht mehr. Es müssen psychische und physische Schmerzen dazu kommen; am Besten in der Beziehung UND in einer oder mehreren “Spielbeziehungen”. Sonst ist das Leben langweilig.

Ich brauche keinen “Herren”, ich brauche keinen “Sklaven”. Ich will nicht “Domina” sein und auch keine “Hure” oder “Sklavin”.

Es ist wirklich gemein von der Gesellschaft dann zu sagen, ich möchte nur “Blümchensex”, sei langweilig und möchte “nichts Neues ausprobieren”. Ich hörte auch “versuch es doch mal, vielleicht gefällt es Dir ja.” Nein. Allein der Gedanke gefesselt und geschlagen zu werden triggert mich!

Was ist das also, dass BDSM samt Körperverletzungen bis hin zu Fahrlässiger Tötung in Deutschland (dem Staat mit der meisten Kinderpornographie und dem Umschaltbahnhof für Menschenhandel) im Rechtsstaat in Ordnung geht, aber alle Drogen (außer Alkohol, Nikotin, Koffein) verpönt werden bis zur Abgrenzung? Ja, Drogen machen mehr Tote. Dann nehmt den Alk raus! Und den Tabak! Die neue Droge der Folter-Sex-Reize macht süchtig. Auch wenn es die BDSMler natürlich nicht einsehen wollen. Solange Junkies ihre Droge bekommen, ist ja alles in Butter. Wenn sie nicht ihre Dosis bekommen, kommt die “Sehnsucht” hoch und “ein innerer Sturm”, das ist so gesehen Suchtdruck (Craving).

Was ist das für eine Gesellschaft, in der eine neue Droge der Folter und des Quälens als zielstrebig und schön angesehen wird?

Ich lasse mich nicht einschüchtern von Leuten, die meinen sie seien jetzt “normal im Mainstream” weil sie, nach 50 Shades of Grey handeln und sich vom Marketing zutexten lassen, sich mit den Sex- und BDSM-Instrumenten einzudecken für horrende Summen. (Mehr als ein Gramm Koks. Okay, das ist ein internationales Thema… aber süchtig macht beides.) Den Kick immer höher zu schrauben, das Gehirn immer mehr zu dopen. Das Leben ist ja so langweilig geworden in unserer Bequemlichkeit. Was kann man denn sonst noch konsumieren? Angst. Angst und Schmerz als Konsumgut. Als Sucht vom Adrenalinkitzel.

Die Droge BDSM und mehr mehr mehr Erwürgen, weil Sex nicht mehr ausreicht, weil Porno und Hardcore-Porno nicht mehr ausreichen. Diese Droge möchte ich nicht nehmen. Das heißt nicht, dass ich weniger Erfahrung oder Neurotransmitter-Schübe bei partnerschaftlichen und/oder sexuellen Beziehungen habe.  Ich hole sie mir woanders.

 

 

Lookismus, Werbung, Feminismus und Konsum

Und jedes Mal frage ich mich beim Fernsehschauen – was sowieso so gut wie nie passiert gerade deswegen – wie langatmig doch die Werbung ist. Werbeblöcke dauern durchschnittlich 11Min. Und dann ca. 2 Min. noch Eigenwerbung des werbeausstrahlenden Senders. Auch die öffentlich-rechtlichen zeigen bis 18h Werbespots: der allbekannte Trigema-Affe sei mal dahingestellt. Alamased mit glücklichen dünnen Frauen, die ihren sexy Körper genießen und ihn mit Freuden den Männern zur Verfügung stellen.           Bikini-Saison ist immer.

sich schön frei darstellen: http://imgur.com/BojvL2B

Immer schön lächeln. Cause we’re happy.

Ganz geil natürlich ist immer wieder Alkohol. Frauen und Alkohol. Trink Dir die Frau schön. Wenn Du Alkohol trinkst bekommst Du geile Ischen. Denn Du bist sexy, wenn Du Alkohol trinkst. Du darfst soviel trinken wie Du willst, um Dir eine Frau schön zu trinken. (Wir Frauen trinken uns auch gerne mal Euch Männer schön, erzählt nur keiner. Werbung wird ja auch von Männern gemacht, Sexismus geht da in Ordnung) Und Männer dürfen, können, sollen sogar Party à la “don’t sleep” machen, denn Alkoholismus kennt hier niemand (wird zum Glück ja sehr gut ignoriert und wer Alki wird ist schwach und selber schuld. Nicht wahr?) Männer sind einfach cool und Frauen sind dafür da gut auszusehen und dauernd Lust auf Sex mit allen möglichen Männern zu haben. Sie sollten dafür kaufen und tun was das Zeug hält, um dieses Ziel zu erreichen.

Die Frage, die ich mir stelle, ist: wer kauft all diese Produkte? Welche Zielgruppe ist das? Und lohnt sich diese Werbung überhaupt? Ja, bestimmt, denn sonst würden es nicht so viele machen. Juhuuu Nagelstudios ohne Ende und mal die Haarfarbe ändern. Geil. Wir wollen alles tun, um die Chancen zu erhöhen bei Männern sexy anzukommen. Dafür leben Frauen ja. Um geil auszusehen und gefickt zu werden. Und dass L’Oreal sich nun Heike Makatsch für die ältere Zielgruppe (Frauen ab 35Jahren) und Lena Meyer-Landrut für die jüngere Frauengruppe holt – und wer weiß wieviel Gage bezahlt – muss sich anscheinend wirklich lohnen. Frauen rennen los denn “kann man sich zu viel um seine Haare kümmern? Glaub ich nicht” sagt Makatsch mit grauen Haaren “welche grauen Haare”?) macht sie sich in den zwei Spots frisch und sexy. Selbstverständlich rennen auch und erst recht jüngere Mädchen los und färben sich die Haare in Schokobraun (“Chocolat mit Goldreflexen” und “Valliné mit Perlreflexen”), “Ich habs gemacht!” WAS?! Sex?! Nein! “Ich wollte meine Haarfarbe ändern”, und sie hats gemacht! Alle machens! Weil sie dann noch süßer aussehen, ja, wie Lena! Süß und sexy!

Selbstverständlich mit diesem Körper: http://imgur.com/VWgGbo3

Ob #Aufschrei oder nicht, mit oder ohne Femen, die Frauen lassen sich so oder so auf ihre Rolle hin beeinflussen. Ich unterstelle hier auch, dass sie das mögen. Warum sonst ist die Invasion der Nagelstudios geglückt? Denn frau mag es – für das Gute der Welt – ihre wohl verdiente Kohle in eine Maniküre mit French Nails zu stecken, Gel Nails besser, weil frau es sich wert ist. Jep. Und die Männerwelt findet es sowieso alles sexy. Solange die Frau sich pflegt und drauf achtet gut auszusehen. Sex, Erfolg und gutes Aussehen habe ich mal an einer großen Schaufensterfront gelesen.

So sollen Mädls miteinander umgehen immer sexuell erregt: http://imgur.com/9jsZGku,Z8il0pV

Und so können Männern mit Mädchen umgehen, da sie devot für alles zu haben sind: http://imgur.com/9jsZGku,Z8il0pV#1

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Männer können aussehen wie Lil Wayne, Notorious B.I.G., Steve Buscemi, Iggy Popp, Jack Black, Zach Galifianakis, Mr.Bean, James Blunt oder Ed Sheeran- egal wie hässlich und fett, sie bekommen immer super sexy Models ab. Einen bestimmten Typ Frau, die fast alle gleich aussehen und alle keinen speziellen Geschmack haben, denn sie stehen auf “Männer” – egal wie der aussieht. Denn Männer sind sexy. Und jede Frau will sie haben. Dafür liebt sie es objektisiert zu werden. Sie besteht aus sexy Körper mit sexy Körperöffnungen, die nur darauf warten von jeglichen Männern “gebangt” zu werden. Ja das macht Spaß!  Dass “Aussehen nicht alles ist”, glaubt doch Cameron Russel wohl selber nicht. Auch wenn wir ihr in ihrer TED Ansprache glauben sollen, weil sie ja ein Model ist. Bitte? Und wenn Megan Fox sagt, sie war auf der High School “nicht hübsch”, dann fühlen sich Mädchen noch hässlicher als sowieso schon. Liliana Matthäus sagt, je dünner sie ist, desto mehr Jobs bekommt sie!

Und es ist egal, ob mit Photoshop oder ohne. Das Programm hilft der Natur nur etwas weiter, wie die Produkte ja auch.

Helene Fischer für Garnier Nutrisse, Lena Meyer-Landruth für Casting (!) Crème Gloss (!) L’Oreal Paris – “für verführerische Farben” denn “auf gehts, Mädels, wir sind es uns wert.” Dazu die SkinPerfection kaufen, damit man eine “ungeschminkte Wahrheit” bekommt. Einen makellosen Teint. Wer es nicht mitmacht, scheint sich selbst wohl nicht viel wert zu sein. Clever, ihr Marketing-Sklaven.

Warum haben die Frauen so viel Geld, um Klamotten zu kaufen? Und woher haben sie so viel Geld? Vom Betreuungsgeld, oder Kindergeld oder der Alimente? Sie arbeiten alle sehr erfolgreich! Ja! Alleinerziehen! Unabhängig! Stark! Selbstbewusst! Auf jeden Fall kaufen sie sehr viel Schnickschnack fürs “Feel Good”, ja den freiwilligen Lookismus, denn es gibt unendlich viele Läden online für Klamotten, Accessoires, Schminke und Sex. Wie sich Frau am Besten verhält, steht in diesem provokanten englischen Blogartikel von Samantha Rosebird.

So. Wo ist da der Feminismus? Wo ist die Gleichberechtigung? Was soll hier eine Frauenquote? Bleibt beim Äußeren, bleibt beim Oberflächlichen, gefallt den Männern, dann wird es Euch gut gehen! Konsumiert! Und immer schön sexy Selfies von Euch posten wie das hier:

http://imgur.com/xCXLLJO

Es ist ein Geben und Nehmen in der Debatte über Sexismus, Lookism, Feminismus und Konsumverhalten als Balzverhalten. Sie bedingen einander.

Scheint, dass es dem First-Class Deutschland gar nicht sooo schlecht geht. Ich bennene diesen Konsum als eitlen Luxus. Als Wettbewerb für sexuellen Erfolg. Wer nicht mitmacht, bleibt auf der Strecke. Und bekommt also keinen Sex?! Keine Neider. Marketing gibt uns das vor, Männer haben das Recht auf schöne Frauen. Frauen haben das Recht auf Sex (egal mit wem) Und der Grund für all das: alle Frauen wollen einen Summer Body!

Je dünner und mehr Haut umso besser. #thinspo (=thin inspiration) und #anafamily (Anorexie) #skinny4Xmas unter vielen vielen anderen soll über Fotos die Frauen motivieren abzunehmen, um möglichst so auszusehen wie dieses sexy heiß begehrenswerte Model hier.

Es sind nicht “falsche Idealbilder”, sondern REALE Idealbilder. Marketing, Mode und Werbung haben es geschafft.

Denn, wenn frau nicht so aussieht und nicht mitmacht in der sozialen Repression des Lookismus, wird sie automatisch von der Gesellschaft aussortiert. Auch, weil sie sich selbst aussortiert, da man je gelernt hat, zu verlieren ohne “Sex, Erfolg und Gutes Aussehen”. Also mitmachen mit voller Kraft und Geld,

um sich dann freudig zu beweisen wie diese American girls hier.

Soweit so schlecht.

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Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte

von Jorge Luís Borges (1899 -1987)*

“Wenn ich mein Leben
noch einmal leben könnte, im nächsten Leben,
würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen.
Ich würde nicht so perfekt sein wollen, ich würde mich mehr entspannen.

Ich wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin,
ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen.
Ich würde nicht so gesund leben, würde mehr riskieren.
Ich würde mehr reisen, mehr Sonnenuntergänge betrachten,
mehr bergsteigen, mehr in Flüssen schwimmen.

Ich würde an mehr Orte gehen, wo ich vorher noch nie war.
Ich würde mehr Eis essen and weniger dicke Bohnen.
Ich würde mehr echte Probleme als eingebildete haben.

Ich war einer dieser klugen Menschen, die jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten.
Freilich hatte ich auch Momente der Freude, aber wenn ich noch einmal anfangen könnte,
würde ich versuchen, nur mehr gute Augenblicke zu haben.

Falls du es noch nicht weißt, aus diesen besteht nämlich das Leben, nur aus Augenblicken.
Vergiß nicht das Jetzt!

Ich war einer derjenigen, die nirgendwo hingingen
ohne ein Thermometer, eine Wärmeflasche, einen Regenschirm und Fallschirm.
Wenn ich noch einmal leben könnte, würde ich leichter reisen.

Wenn ich noch einmal leben könnte,
würde ich von Frühlingsbeginn an bis in den Spätherbst hinein barfuß gehen.
Ich würde mehr Karussel fahren, mir mehr Sonnenaufgänge ansehen und mehr mit Kindern spielen,
wenn ich das Leben noch vor mir hätte.

Aber sehen Sie… ich bin 85 Jahre alt und weiß, daß ich bald sterben werde.”

Filmrezension: Under the skin (2013) von Jonathan Glazer

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Wer Lust hat, sich 100 Minuten lang Scarlett Johansson anzusehen, ist hier richtig. Der Film erzählt mit seltsamen Geräuschen, und atmosphärischer Musik  von Mica Levi (Micachu & The Shapes) Streichinstrumenten und kaum Text von einer Frau, die mit dem Auto alleine durch Glasgow und Vorstadt fährt. Ab und an nimmt sie einen Mann mit, der von ihr verführt im schwarzen Sumpf ertrinkt. Klingt seltsam, ist auch genauso gemeint. Sie ist ein Androide und soll nun mit der Umwelt interagieren. Da lernt sie, was es heißt eine Frau zu sein und von Männern angemacht zu werden. Es wird ohne Unterbrechung rein visuell eine mysteriöse, verwirrend beunruhigende Stimmung aufgefangen. Man sieht Scarlett wie sie sich schminkt, an- und auszieht, ein paar mal nackt von hinten endlich auch nackt von vorne und später auch endlich im Bett am Knutschen und wie ein Mann kurz davor ist dann in sie einzudringen. Für Fans von ihr ein absolutes Muss. Der Londoner Regisseur Jonathan Glazer (v.a. bekannt für sehr viele Musikvideos und Werbespots) lässt Seltsamheit voll ausspielen und ihre Sexiness bis zum bitteren Ende walten. Nichts für Leute, die Handlung brauchen, denn hier ist es ein rein experimenteller SciFi-artiger Bildertrip. Nicht mehr und nicht viel weniger.

Ab 10. Oktober 2014 auf DVD.

Filmrezension: Can a song save your life? / Begin Again by John Carney (2013)

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Der Film “Begin Again”, der ab 28.08.2014 in Deutschland unter dem (leicht behämmerten) Titel “Can a song save your life?” läuft, verspricht viel, hält aber wenig. (In Rumänien heißt der Film übrigens “New York Melody”)
Abseits der Songs von Maroon 5-Sänger Adam Levine und Keira Knightly, hübschen Bildern aus New York, und einer eher seichten Geschichte über Liebe, Schlussmachen und Wieder-Zusammenkommen und Musik, hat der Film nicht sonderlich viel zu bieten.
Der Film kam am 11. July 2014 in the US-Amerikanischen Kinos und wurde über den Verleiher The Weinstein Company in den Markt reingedrückt. Studio Canal verleiht ihn in Deutschland. Für einen Independent Film mit 11-köpfigen Produzententeam und kleinem Budget von US$ 7 Mio. ein sehr großer Coup. Adam Levine ist ein Frauenschwarm; zudem hat er seine ganze Rolle ohne Gage gespielt. Auch Keira Knightley soll offenbar nur US$ 50.000 erhalten haben.
Der Film wird sogar ab dem 29.August 2014 noch einmal in die US-Kinos geschickt, weil er als Micro-Budget Film als Highlight des Toronto International Film Fests und TriBeCa Festivals galt. Er soll ins Oscar-Rennen gehen. Für einen Song oder den Soundtrack. Dies ist sehr fragwürdig, denn es ist nicht sauber gearbeitet worden mit den Tonaufnahmen, sowie dem Sound allgemein (z.B.: sagt Keira ihrer Band in C zu spielen und sie fangen aber auf F an.) Zudem sind die Songs und Performances regelrecht farblos. Im Gegensatz zu “Once”. Dies ist in keinem Fall ein “Once Again”. The Weinstein Company setzt aber voll und ganz auf Marketing mit einem angeblichen Werbebudget von US$ 20 Mio!
Der Regisseur und Drehbuchautor John Carney ist sonst nur bekannt für den Musikfilm “Once” (Academy Award für Best Achievement in Music Written for Motion Pictures, Original Song “Falling Slowly”, 2008) und hat seitdem ein paar TV-Serien-Episoden geschrieben und umgesetzt. Er wollte wohl seine eigene unglückliche Liebesgeschichte erzählen, man denkt sogar er wollte Scareltt Johansson besetzten… und ja, genau das. Aber er entschied sich dann doch für das “Audrey Hepburn thing” – Rehlein Keira Knightley. Selbst Lindsay Lohan hätte hier zumindest noch etwas an spannender Würze reingebracht. Aber die passt wohl leider nicht in die Kitsch-Romantik.

Zur Story (Spoiler ab hier):

Die schüchterne Gretta, eine Singer-Songwriterin zieht mit ihrem Freund (Adam Levine), der gerade als Sänger entdeckt wurde, nach New York. Als er sie mit dem eigens für ihn komponierten Lied verlässt, beschließt sie, eine eigene Karriere zu starten. Dabei hilft ihr Mark Ruffalo, ein angeblich tougher alkoholabhängiger Big Music-Business Mann in Midlife-Crisis. Der hat noch zu schaffen mit der typisch desolat rauchenden Ex-Frau (wie üblich Catherine Keener), sowie pubertierender Tocher (einzig gut hier: Hailee Steinfeld – ja, das kleine Mädchen aus “True Grit”!). Am Ende kommt Keira aber wieder mit ihrem arroganten Ex zusammen. Warum-auch-immer. Dazwischen gibts noch ein wenig seichtes Warum-mache-ich-Musik-Geschwafel (das auch nochmal speziell schlechter übersetzt wurde als der Rest des Films sowieso schon), und am Ende weiß man nicht, womit man die letzten 104 Minuten seines Lebens verbracht hat.

Fallhöhe? Is nicht. Konflikt? Eigentlich auch nicht. Alle Figuren könnten jederzeit aufhören, das zu tun, was sie tun, sich in ihre schicke New Yorker Loft setzen (wobei mal wieder mit keinem Wort erklärt wird, wer die Miete zahlt), und dort ein schönes Leben haben. Niemand und nichts zwingt unsere handelnden Figuren das zu tun, was sie tun. Aber das macht nichts, denn (als Tussi-Rolemodel schlechthin) geht’s eh nur ums eigene Ego, um die eigenen Gedanken, das eigene Liebesleben. Sie ohrfeigt ihn, weint, lacht, trauert, sehnt, reist mit ihrem Rollkoffer ab, aber alles ist irgendwie schal, weil die Voraussetzungen nicht gegeben sind. Und die miserable deutsche Synchro macht’s einem nicht leichter, sich in die Figuren hineinzuversetzen, und nimmt dem Film (vermutlich) das letzte bisschen Charme, das er in der Originalfassung noch gehabt haben mag.

Die Tagline “You’re only as strong as your next move.” ist hier nicht als emanzipiertes Statement einer jungen Sängerin zu sehen. Nach einer Stunde ziemlich leerer Handlung beschließt sie ihren alten Typen doch wieder zu nehmen. Wenn Frauen sich unterhalten, dann nur über Männer (und, okay, einmal “lets go shopping!”). Man kann hier nicht oft genug auf den Bechdel-Test verweisen:

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Doch selbst diese wenig ausdrucksstarke Rolle kann Keira Knightley kaum ausfüllen. Außer süß auszusehen und sich um sich selbst zu kümmern hat sie in dem Film nicht wirklich viel zu tun. Aber leider glaubt man ihr das nicht. Und die farb- und charakterlos gehauchten Songs machen das Ganze noch unglaubwürdiger. War als Regieanweisung vermutlich nett gemeint (Empathie für schutzbedürftige Rehlein)- aber trägt leider auch zum Scheitern des Films bei.

Was außerdem noch unangenehm auffällt ist das nicht gerade subversive Product Placement – ein Trend der im jüngeren Independent Cinema langsam aber sicher überhand nimmt. Gefühlt alle zwanzig Sekunden flattert mal wieder ein Produkt über die Leinwand, ist ein Auto im Bild geparkt, das dort nicht hinpasst, hält die Kamera ein paar Sekunden zu lang auf ihr Handy. Leider ist es wohl auch in den USA anders kaum möglich, einen Film unabhängig zu produzieren. Oder ist es doch nur Gier?

Man fragt sich, was uns hier in 107 Minuten, auch nur oberflächlich, erzählt werden soll: Sollte es eine Sozialstudie über New Yorker Snob-Künstler sein und diese scheitert an der Snobbigkeit der portraitierten Figuren? Oder ist er wirklich als eskapistischer Tussi-Kitsch angelegt – ohne Tiefe – und scheitert an seinen dramaturgischen Voraussetzungen? Auch als Musikfilm kann der Film nicht wirklich durchgehen, die seichten Songs fallen im Geplätscher der Handlung nicht weiter auf.

Weltweit hat er schon knapp US$ 63 Mio. eingespielt. Lääuft! Ab jetzt rollt der Rubel…$$$ Topp die Wette gilt: ein Verkaufsschlager für Fans (der hier extrem faden Schauspieler), ein No-Go, ja ein Deal-Breaker für alle, die gutes Kino mögen. Wie sagte Milan Kundera so schön: “Kitsch ist die Abwesenheit von Scheiße.” Dieser Film ist Kitsch.

P.S.: Wer kann erklären, warum das europäische Filmplakat in einem zentralen Detail verändert wurde?